Gedankengänge und Inspiration

Die MS Günther ist ein Schiff mit viel Geschichte und ganz besonderer Tradition. Als das Boot vor über einhundert Jahren vom Stapel gelassen wurde, ahnte vermutlich noch niemand, welche Beständigkeit das Schiff erlangen würde. Heutzutage fehlt vielen Produkten der Anspruch an Nachhaltigkeit und einen langen Lebenszyklus. Autos, technische Geräte des täglichen Gebrauchs, Kleidung und Möbel werden von der Industrie zu Teil gezielt daraufhin konzipiert, dass nach einer gewissen Zeit eine Neuanschaffung erforderlich wird. Als Gegenpol zu dieser Wegwerfmentalität scheint sich jedoch besonders in den letzten Jahren immer mehr ein Bewusstsein für einen schonenden Umgang mit Ressourcen, einen sinnvollen Einsatz von Gütern und die Langlebigkeit von Produkten zu entwickeln.

Realisierung und technische Umsetzung

Die Umbauphase des Schiffs startete mit einer weitreichenden Entkernung des Schiffsinneren. Schimmelige Teppichböden, Wandverkleidungen aus PVC sowie die gesamte Innenausstattung wurden entfernt. Dabei wurde allerdings bei jeder noch so kleinen Änderung versucht, den eigentlichen Kern des Bootes und damit seinen Charakter zu erhalten und wenn möglich noch zu akzentuieren. Beim Umbau der Sanitäranlagen auf dem Oberdeck, wurde beispielsweise an einer Wand die über hundert Jahre alte Schiffshaut aus blankem Stahl freigelegt. Hinter dem vergilbten Linoleum hatte sich im Laufe der Jahrzehnte eine ganz besondere Patina aus Rost gebildet. Diese Oberflächenstruktur wurde mit einer speziellen transparenten Beschichtung konserviert. Dadurch wird eine weitere Korrosion unterbunden und der Status-quo bleibt bestehen. Außerdem ist so ein Abfärben der Rostpartikel beim Berühren unmöglich.

100 JAHRE TRADITION

Genau dieses Fundstück wurde bewusst in Szene gesetzt und zu einem wiederkehrenden Gestaltungselement auf dem gesamten Schiff. Besonders im Bereich des Tresens, dem Hingucker, wurde es gezielt aufgegriffen.

Nach einigen Experimenten mit verschiedenen Materialproben, konnte so ein Verfahren gefunden werden, mit dessen Hilfe sich die rostige Patina der Schiffshaut künstlich reproduzieren ließ. So konnte die Tresenfront damit verkleidet werden.

Dafür wurden riesige Stahlplatten vom Schrotthändler formatiert und ebenfalls versiegelt. Mit gekanteten Blechprofilen sowie linsenkopfförmigen Edelstahlschrauben in Nietenoptik, wurden die Stahlplatten mit der Unterkonstruktion des Tresens verbunden. Kombiniert mit den weißen Nut- und Federbrettern als Tresenverkleidung und der dahinter installierten Indirekt-Beleuchtung entsteht ein Qualitätskontrast der beiden Materialien.

Der Tresen selbst besteht aus Red Meranti, einem tropischen Laubholz der Gattung Shorea. Die Farbigkeit des Holzes harmoniert mit dem Farbspektrum der rostigen Patina und trägt so zu einem stimmigen Gesamteindruck bei.

Im Thekenbereich müssen zu den Stoßzeiten bis zu 150 Leute mit Getränken und Speisen versorgt werden. Herausforderung bei der Gestaltung, war neben den Hygienevorschriften also auch die Funktionalität für einen schnellen Bestellablauf auf engstem Raum.